10. Rufe
Arthur, Merlin und die Ritter, angeführt von Sir Lancelot, hatten sich mittlerweile weiter durch die Landschaft gekämpft. Sie waren vorsichtig geworden, seit dem Überfall der Banditen. Merlin hatte mehrfach beteuert, dass keine Magie dahinter steckte, und Arthur glaubte ihm; trotzdem war ihnen nicht wohl. Arthur wollte so schnell wie möglich weiter und endlich Gemendór erreichen, auch, wenn sie noch nicht wussten, wie es dort weiter gehen sollte. Nach was genau sie suchen sollten, wenn sie Jades Heimat gefunden hatten, wussten sie - noch - nicht. Doch Arthur hatte die Hoffnung, dass Merlin vielleicht etwas spüren oder eine Vision erhalten würde. So setzten sie ihre Reise fort..
Währenddessen hatte Morgana, mit den beiden Mädchen im Schlepptau, ihr Schloss erreicht. Ein finsteres Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Nun kam die Stunde der Wahrheit! Der Moment, auf den sie hingearbeitet hatte. Ihre Aufregung wuchs. Sie freute sich bereits auf den Moment, in dem Elle begreifen würde, dass sie keine andere Wahl hatte, als ihr die Geheimnisse ihrer Macht zu erklären bzw. aufzuzeigen. Doch sie würde den Moment auskosten! Ja, sie würde ihn genießen! Langsam stieg sie die Treppen zu dem Kerkergewölbe hinunter. Die Mädchen standen immer noch unter ihrem Zauber, so dass keines von beiden sich wehren konnte. Doch beiden stand der Angstschweiß auf der Stirn. Es war ihnen durchaus bewusst, was um sie herum geschah, doch sie konnten sich weder rühren, noch etwas tun um ihr zu entkommen. Sie waren ihr hilflos ausgeliefert. Und dann kam Morgana an den Kerkerzellen vorbei. Vor allem Jade zitterte. Wenn Leeana es gekonnt hätte, hätte sie ihr beigestanden, doch sie war selber starr vor Angst. Was hatte diese Hexe mit ihnen vor? ´Wenn sie uns hätte umbringen wollen, hätte sie es bereits in Camelot tun können; das ist es nicht´, überlegte Leeana. ´Aber was dann?´ Und dann wusste sie es. In der letzten Kerkerzelle sah sie eine Frau. Eine Frau mit roten Haaren, die von der Beschreibung aussah wie Elle - die Hüterin der Elemente, von denen Jade ihnen erzählt hatte, nachdem Merlin sie geheilt hatte. Sie musste es sein. Leeana spürte, wie Jade sich versteifte. Sie wollte etwas rufen, doch durch Morganas Zauber konnte sie es nicht.
Morganas Lächeln wurde breiter. Noch hatte Elle sie nicht registriert, da sie an der Wand lehnte; den Kopf gesenkt und die Augen geschlossen. Morgana wusste nicht, weshalb oder an was sie dachte, aber das war ihr auch egal. Langsam kam sie noch näher an die Kerkerzelle heran und packte die Mädchen noch fester am Arm. Dann stand sie vor der verschlossenen Tür. “Elle, sieh mal her - sieh mal, wen ich hier habe” flötete sie. Dann sah sie, wie Elle langsam den Kopf hob und in ihre Richtung sah. Ihr Grinsen wurde noch breiter und gemeiner, als sie die großen Augen sah, mit denen Elle sie anstarrte, als die Wahrheit langsam in ihrem Kopf Gestalt annahm. Sie schien einige Sekunden zu brauchen, um zu begreifen, wer da vor ihr stand…
Elle hatte Morganas Schritte gehört. Doch sie wollte sie nicht sehen. Sie wollte nicht in ihren Erinnerungen gestört werden, die immer noch in ihrem Kopf herum irrten. Erinnerungen an ihre Schützlinge - die, die tot waren, und Jade, von der sie hoffte, dass sie noch lebte. Also blendete sie die Realität aus. Sie würde schon spüren, wenn es soweit war, und ihre Peinigerin wieder in ihre Zelle eindringen würde um sie zu foltern. Auch dieses Mal würde sie die Pein über sich ergehen lassen. Auch dieses Mal würde es vorbei gehen… Davon war sie überzeugt. Doch was dann folgte, war sehr ungewöhnlich. Normalerweise sagte Morgana nichts, bis zu in der Zelle war und direkt vor ihr stand! Doch dieses Mal hörte sie ihre Stimme. Melodisch und beinahe zuckersüß… Und doch so falsch… Sie rief ihren Namen und dass sie zu ihr sehen sollte. Elle wollte nicht, und doch fühlte sie einen inneren Drang, zumal sie verwirrt war, von dem was Morgana noch gesagt hatte. Wieso sollte sie zu ihr hinschauen? Was hatte sie genau gesagt? “Sieh mal, wen ich hier habe?” Wen hatte sie denn da? Die Verwirrung war so groß, dass Elle ihrem Drang nachgeben musste. Auch wenn sie nicht schauen wollte; dennoch hob sie den Kopf und erstarrte. Sie konnte - nein, sie WOLLTE es nicht glauben. Das durfte nicht wahr sein! Doch langsam kam es in ihrem Bewusstsein an, dass es real war, was sie da sah. Elles Augen wurden groß.
“Oh mein Gott…. JADE!” flüsterte sie - dann sah sie zu dem anderen Mädchen, das sie nicht kannte, das aber anscheinend auch eine Gefangene Morganas war, und zurück zu Jade. Die beiden Mädchen waren willenlos. So wie es aussah, konnten sie sich nicht rühren, was wohl Morganas Werk war. Mit zusammen gekniffenen Augen glitt ihr Blick langsam zu Morgana, die in der Mitte stand und die beiden Mädchen festhielt. “Lass sie los!” stieß sie mit zusammen gepressten Zähnen hervor. Ihr Atem ging stoßweise. “Was willst du mit den beiden? Du hast mich! Reicht das nicht?”
Morgana lachte bitter. “Anscheinend nicht, du wolltest es nicht anders, Elle! Wenn du mir vorab dein Geheimnis verraten und mir deine Kräfte und deine Macht übertragen hättest, bräuchte ich nicht zu so etwas zurück zu greifen! Du willst doch sicher nicht, dass den beiden etwas geschieht?” setzte sie noch hinterher und dann stieß sie Leeana in eine andere Zelle, die in Elles Nähe war. Leeana fiel auf den Boden und blieb erst einmal bewegungslos liegen. Jade wurde von Morgana ebenfalls in eine Zelle gestoßen, sie hatte mehrere zur Auswahl… Dann betrat Morgana Elles Zelle, die zu ihr hinaufsah, als diese direkt vor ihr stand. In Elles Augen war ein Funkeln zu erkennen, das Morgana zuerst erschreckte. Doch dann riss sie sich zusammen. “Gib mir deine Kraft! Und ich werde die Mädchen frei lassen! Beide! Ansonsten wird es dir sehr, sehr Leid tun!”
Elle starrte ihr ins Gesicht. Sie sah zuerst zu ihrem Schützling und dann zu dem anderen Mädchen, das auf der anderen Seite in ihrer Zelle lag. Es tat ihr in der Seele weh, die beiden so zu sehen, doch sie wusste, dass keiner von ihnen eine Chance hatte, wenn sie ihr nachgeben würde. Morgana würde sie alle vernichten, sobald sie ihre Kräfte hatte, das wusste sie. Also schluckte sie und schüttelte den Kopf. “Nein.. Ich kann es nicht. Lass die Mädchen frei; sie haben dir nichts getan!”
Morgana konnte es nicht fassen. War das Elles Ernst?? Sie wusste, dass sie die Mädchen in ihrer Gewalt hatte, und wollte ihr trotzdem nicht das geben, was sie von ihr verlangte? Nun reichte es Morgana. “Dann eben nicht! Ich werde dir zeigen, was du davon hast! Vielleicht bereust du deine Entscheidung und änderst sie doch noch!” und sie verließ wutschnaubend Elles Zelle. Elle hatte ein schlechtes Gefühl. Etwas sagte ihr, dass nun etwas ganz Furchtbares geschehen würde, und sie sollte Recht behalten. Morgana stand vor Jades Zelle und schloss die Tür auf. Sie trat hinein und in Elle, die alles sehen konnte, zogen sich die Eingeweide zusammen. Was hatte die Hexe vor? Dann sah sie, wie sich in Morganas Hand ein Feuerball bildete. Wie von Geisterhand hatte diese plötzlich die rote Glut in der Hand und kam damit auf Jade zu. Elle schrie auf. “NEIN!” “Das ist DEIN Werk!” sagte Morgana nur kalt, und lief ungerührt weiter. Jade sah sie zwar kommen, war aber durch Morganas Zauber immer noch nicht in der Lage, sich zu rühren; zudem wäre es ohnehin aussichtslos gewesen, sie hätte nicht aus der Zelle fliehen können.
Doch während Jade immer noch bewegungsunfähig war, war es zumindest Leeana gelungen, sich an den Rand ihrer Zellentür zu schleppen. Auch sie sah, was Morgana im Begriff war zu tun, und ein gellender Schrei tönte aus ihrem Mund. Morgana zuckte kurz zusammen und sah in ihre Richtung. Sie wusste nicht, was es war, aber für eine kleine Sekunde war sie nicht mehr in der Lage, ihr eigentliches Vorhaben in die Tat umzusetzen…
Merlin, Arthur und die Ritter waren weiter gezogen. Sie ritten so schnell sie konnten; doch plötzlich blieb Merlin abrupt stehen. Er riss sein Pferd so hart am Zügel, dass dieses sich kurz aufbäumte. Arthur ließ seine Ritter, allen voran Sir Lancelot, anhalten und wandte sich Merlin zu. “Ist alles in Ordnung, Merlin?” Die Ritter hatten ihre Schwerter gezogen und sahen sich nervös in der Umgebung um, doch sie konnten nichts Auffälliges entdecken… Was war in den Zauberer gefahren? Auch Arthur wurde aus dem Verhalten seines Beraters und früheren Dieners nicht schlau. “Merlin? Was ist los? - MERLIN!!!” brüllte er ihn schließlich an, als dieser immer noch nicht reagierte.
Merlin hatte die Hand erhoben und Arthur so ein Zeichen gegeben, zu schweigen. Arthur hätte dies früher niemals toleriert, als Merlin noch sein Diener gewesen war, doch nun hörte er auf solche Zeichen. Er gebot auch seinen Rittern, sich still zu verhalten. Aufs Äußerste gespannt, sah er zu Merlin auf, der langsam von seinem Pferd stieg und sich umsah…
Merlin hatte kurz zuvor einen Schrei gehört. Doch es war kein “Hören” im eigentlichen Sinne. Er wusste, dass dieser Schrei nicht aus dem Wald kam, er war noch nicht mal in ihrer Nähe ausgestoßen worden, und Arthur und seine Ritter hatten ihn nicht gehört. Merlin wurde bewusst, dass nur er ihn wahrgenommen hatte, und dass es in seinem Geiste geschehen war. Per Telepathie! Bis jetzt hatte er noch gar nicht gewusst, dass er auch zu so etwas fähig war.. Doch dann kam in ihm das Bewusstsein hoch, dass er die Stimme kannte - und plötzlich wusste er es. Es war Leeana, die geschrieen hatte! Ihm wurde schlecht. Etwas war passiert! Mit Leeana. Sie war in Gefahr! War sie noch in Camelot? Und dann wusste er, dass dies nicht der Fall war! Was auch immer geschehen war, Leeana war nicht mehr in Camelot, was bedeutete, dass sie jemand entführt haben musste. Sie war in Gefahr!
Plötzlich drang Arthurs Stimme in sein Ohr. Er hatte sie ausgeblendet, damit er sich auf den Schrei konzentrieren konnte. Doch nun wurde sie wieder um einiges eindringlicher.
“MERLIN!! Was ist mit dir???” Arthur machte sich extreme Sorgen um seinen Berater und Freund. So hatte er ihn noch nie erlebt. Er schüttelte ihn. Langsam schien Merlin wieder klar zu werden und er blickte ihn an. Seine Augen zeigten Arthur, dass er wieder bei sich war. “Leeana! Ich habe Leeana schreien hören! Sie ist in Gefahr; jemand muss sie aus Camelot entführt haben. Ich muss zurück!” Arthur starrte ihn an. “Ist das dein Ernst?? Merlin, warum sollte jemand Leeana entführen? Und dann aus Camelot? Was hätte das für einen Sinn? Außerdem sind Sir Gwain und Sir Leon dort, sie würden das zu verhindern wissen - die anderen Ritter und Wachen außerdem auch! Das ganze war bestimmt nur ein Irrtum.” Doch Merlin wusste, was er gehört hatte. Er schüttelte den Kopf. “Nein, Arthur. Das ist es nicht. Ihr könnt mit Euren Rittern weiter reiten; ich werde zurück kehren und nach Leeana sehen. Es lässt mir keine Ruhe, ich muss wissen, was geschehen ist!”
Arthur starrte ihn an. Dann seufzte er. “Du meinst das wirklich ernst? Ist dir bewusst, was auf dem Spiel steht? Ich meine, wir reisen in dieses Land Gemendór, um Morgana zu finden! Wir verlieren Zeit, wenn wir jetzt umkehren; das könnte uns den Vorsprung kosten, den wir jetzt evtl. haben! Was ist, wenn Morgana bereits Elles Kräfte aufgenommen hat?? Ist dir das egal?” Merlin schüttelte den Kopf. “Nein, Sire. Das ist mir durchaus nicht egal. Aber ich sagte schon, dass Ihr mit Euren Rittern weiter reiten könnt. Ich kann Leeana nicht im Stich lassen. Und ich weiß, dass meine Vision echt war! Ich kann nicht anders, Verzeiht mir!” Er senkte den Kopf. Arthur seufzte erneut. “Merlin, ich werde noch verrückt mit dir… Du weißt doch genau, dass ich dich nicht alleine zurück kehren lasse - du kannst schließlich nicht wirklich gut kämpfen - mit Schwertern meine ich! Und das werden wir wohl müssen, solltest du recht haben. Abgesehen davon brauchen wir dich, wenn wir gegen Morgana eine Chance haben wollen; was bedeutet, dass wir ohne dich nicht nach Gemendór reisen können.. Also, wir reiten wieder zurück!”
Merlin lächelte Arthur dankbar an. Die Ritter waren erstaunt, einige sahen sowohl Arthur als auch Merlin ungläubig an, dennoch sagten sie nichts, sondern wendeten ihre Pferde. Auch Merlin setzte sich auf den Sattel und preschte voran. Immer wieder dachte er an den Schrei, den er gehört hatte. Er hatte Gänsehaut. Merlin ritt schneller…
Morgana hatte sich umgedreht und stand nun mit dem Feuerball in der Hand vor der Kerkertür. Sie überlegte. Auf der einen Seite wollte sie eigentlich Jade verletzen um Elle zu bestrafen, aber andererseits hatte diese kleine Kröte in der Nebenzelle sie gerade irritiert. Es war etwas an ihr gewesen.. Etwas magisches. Sie konnte es sich nur nicht wirklich erklären.. Bevor sie mit diesem Mädchen weitermachte, musste sie sich dem anderen Mädchen widmen. Langsam öffnete sie Jades Kerkertüre und ging schnurstracks auf Leeanas zu. Sie öffnete sie. Leeana war wieder in der Lage, sich zu bewegen, so dass sie sich an die Wand presste, doch Morgana schleuderte sie mit einer Handbewegung zu Boden. Dann ging alles schnell. So schnell, dass nicht einmal Elle etwas hätte tun können, um es zu verhindern. Morgana drückte ihre Hand, in der sich immer noch der Feuerball befand, auf Leeanas Oberschenkel. Leeana brüllte auf. Tränen traten ihr in die Augen, sie hatte noch nie solche Schmerzen verspürt. Auch Elle und Jade kreischten, doch das ließ Morgana unberührt. Sie drückte ihre Hand weiter in Leeanas Fleisch und deren Schreie hallten durch das Schloss…
Doch nicht nur dort wurden sie vernommen. Auch Merlin hörte sie. Er hielt erneut sein Pferd an und die Flüche, die hinter ihm ausgestoßen wurden, interessierten ihn nicht. Wieder hörte er Leeanas Schreie, doch dieses Mal war es schlimmer als beim letzten Mal. Es waren mehrere, lautere Schreie und er spürte Panik, Schmerz.. Alles zog sich in ihm zusammen. Merlin fiel vom Pferd. Arthurs erschreckten Ausruf registrierte er nicht. Er lag auf der Erde, die Augen starr aufgerissen und er spürte Schmerz.
Und dann tauchte ein Bild vor seinem geistigen Auge auf. Er sah Kerkerzellen - und in ihnen eine Frau mit leuchtend roten Haaren. Merlin wusste sofort, dass diese Frau Elle sein musste - die Hüterin der Elemente. Sie sah genauso aus, wie Jade sie beschrieben hatte. In einer anderen Zelle sah er.. Jade! Sie war also auch gefangen! Merlin bemerkte, dass beide in eine Richtung schauten, und auch sein Blick glitt in diese Richtung. Was er sah, ließ ihm den Atem gefrieren. Er sah Morgana, wie sie über Leeana gebeugt war - und dieser einen Feuerball auf den Oberschenkel presste. Der Ball brannte sich in ihre Haut und Merlin wusste, dass es gerade in diesem Augenblick passierte. Es war genau das, was er gerade spürte..
Während Merlin noch auf der Erde lag, hatte Arthur sein Pferd gezügelt und war abgesprungen. Er kniete sich neben Merlin und rüttelte ihn erneut. Auch die anderen Ritter kümmerten sich um ihn. “Was hat er, Sire?” fragte Sir Lancelot besorgt. “Ich weiß es nicht, Lancelot! Wir müssen ihn wach bekommen. MERLIN!” rief er lauter, und als dieser auch dieses Mal nicht reagierte, machte Arthur von alten Gewohnheiten Gebrauch und gab ihm eine schallende Ohrfeige. Das hatte er schon ewig nicht mehr getan und es tat ihm auch Leid, doch er wusste sich einfach nicht mehr anders zu helfen…
Langsam wurde Merlin wieder klarer. Er hatte von den Geschehnissen um ihn herum überhaupt nichts mitbekommen, und auch die Schmerzen auf seiner Wange ignorierte er. Das erste, was er erblickte, war Arthur, der ihn besorgt ansah. “Was ist mit dir, Merlin? Muss ich mir ernste Sorgen um dich machen? Das ist schon der zweite Anfall dieser Art und ich hätte dich beinahe nicht wach bekommen. Du warst ja völlig weggetreten…” Weiter kam er nicht. Merlin hatte sich wieder in der Gewalt und saß schneller auf seinem Pferd als Arthur und die Ritter ihm zugetraut hatten. Er sah Arthur an. Ohne weiter auf die Frage einzugehen, sagte er: “Wir brauchen nicht mehr nach Camelot zurück zu reiten. Ich weiß, was geschehen ist. Morgana hat Camelot überfallen. Sie hat Leeana und auch Jade entführt. Beide sind in einem Schloss gefangen - in den Kerkern. Und Morgana ist genau jetzt - in diesem Moment - dabei, Leeana zu foltern. Ich kann es spüren!”
Entsetzen hatten sich auf den Gesichtern von Arthur und seinen Rittern breit gemacht. Sie konnten es zuerst nicht fassen, doch dann wussten sie, dass Merlin sich nicht täuschte. “Das passt zu ihr” knurrte Arthur. Voller Mitgefühl sah er Merlin an. “Merlin, wir finden sie! Weißt du, wo dieses Schloss sein kann? Hast du in deiner Vision einen Hinweis gefunden?” Doch Merlin konnte nur den Kopf schütteln. Nein, das hatte er nicht.. Nach einigen Sekunden der Stille sagte Arthur schließlich: “Hört zu, irgendwo müssen wir ansetzen! Da Merlin jetzt weiß, dass Morgana die Mädchen entführt hat, kann es ja nur so sein, dass sie in Camelot war… Hoffentlich hat sie dort nicht noch mehr zerstört…” Hass flammte in Arthur auf, als er daran dachte, dass diese Kreatur in seinem Schloss gewesen war, und nun begann er sich auch um seine dort verbliebenen Ritter - einschließlich Sir Leon und Sir Gwain zu sorgen. “Wir werden zurück reiten. In der Nähe des Schlosses werden wir evtl. Spuren finden, denen wir nachgehen können. Es wird Morgana doch wohl nicht gelungen sein, völlig spurlos zwei Mädchen zu entführen! Es ist mir sowieso schleierhaft, wie sie unbemerkt ins Schloss gelangen konnte und wieder heraus kam…” Die Ritter stimmten ihm zu, nur Merlin war still. Aber eine bessere Idee fiel auch dem Zauberer nicht ein. Er wusste, dass wenn es in der Nähe des Schlosses Spuren gab, sie diese finden und ihnen nachgehen würden. Also nickte er schließlich. So machten sie sich auf den Weg zurück nach Camelot. Sie alle hatten Magendrücken, als sie an ihre Freunde dachten, und hofften, dass sie unbeschadet geblieben waren…
Während sie zurück kehrten dachte Merlin immer wieder an Leeana. `Leeana, ich finde dich! Wir finden dich! Halte durch, bitte´ das waren immer wieder seine Gedanken, während sie den gesamten Weg zurück ritten..
Morgana hatte ihre ganze Wut und ihren Hass an dem Mädchen ausgelassen, die sie eigentlich noch gar nicht erledigen wollte. Doch nun spürte sie, dass diese ihre Macht verloren hatte - was das auch immer für eine Macht gewesen war… Etwas war an diesem Mädchen, doch Morgana konnte es nicht wirklich deuten. Solange konnte sie auch diese Macht nicht an sich reißen, doch das würde noch kommen. Langsam stand sie auf und der Feuerball verschwand. Sie schloss die Zelle auf und trat heraus. Elle funkelte sie mit hasserfüllten Augen an. In ihnen standen Tränen. “Du Missgeburt”… flüsterte sie. Morgana sah sie nur an. Sie sagte nichts, doch ihre Augen waren rabenschwarz. Sowohl Elle als auch Jade zuckten zusammen. Morgana reagierte nicht weiter sondern verließ das Kerkergewölbe ohne ein weiteres Wort. Als die Tür ins Schloss fiel, warteten Elle und Jade noch ein paar Minuten, dann begannen beide, leise Leeanas Namen zu rufen; doch diese reagierte nicht…
Leeana lag da wie tot. Die Schmerzen waren unerträglich und sie wünschte sich zu sterben. Ihre Gedanken waren leer. Sie sah und hörte nichts und sie wollte auch nichts sehen und hören. Einfach nur sterben, waren ihre Gedanken. Die Schmerzen nicht mehr spüren… Doch plötzlich drangen Worte an ihr Ohr. Worte, die zuerst von weit, weit her zu kommen schienen, und die sie als nicht real abtat. Denn es konnte nicht real sein! Sie konnte die Stimme nicht hören, denn derjenige, dem sie gehörte, war nicht mal in ihrer Nähe! Dennoch wurde sie langsam immer lauter und nahm immer mehr in ihrem Geist Gestalt an. Dann konnte sie es nicht mehr ignorieren. Sie hörte IHN. Den Mann, der in den letzten Jahren wie ein Bruder für sie geworden war. Merlin! Und sie konnte plötzlich auch verstehen, was er “sagte”: `Leeana, ich finde dich! Wir finden dich! Halte durch, bitte´. Leeana spürte, dass es keine Einbildung war. Sie hörte ihn tatsächlich, aber nicht in der Realität, sondern im Geiste. Sie hörte ihn telepathisch! Leeana schloss die Augen. Sie musste sich konzentrieren; auch, wenn die Anstrengung weh tat. Es musste sein! Dann begann sie, an Merlin zu denken und sein Bild tauchte vor ihrem geistigen Auge auf. Sie sah ihn direkt vor sich. Leeana lächelte. ´Merlin.. Ich bin hier! Wir sind hier! Kannst du mich hören? Kannst du meinem Ruf folgen?´ Auch sie wiederholte immer wieder dieselben Worte und hoffte, dass ihr Ruf auch ihn erreichen würde..
Währenddessen hatte Morgana, mit den beiden Mädchen im Schlepptau, ihr Schloss erreicht. Ein finsteres Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Nun kam die Stunde der Wahrheit! Der Moment, auf den sie hingearbeitet hatte. Ihre Aufregung wuchs. Sie freute sich bereits auf den Moment, in dem Elle begreifen würde, dass sie keine andere Wahl hatte, als ihr die Geheimnisse ihrer Macht zu erklären bzw. aufzuzeigen. Doch sie würde den Moment auskosten! Ja, sie würde ihn genießen! Langsam stieg sie die Treppen zu dem Kerkergewölbe hinunter. Die Mädchen standen immer noch unter ihrem Zauber, so dass keines von beiden sich wehren konnte. Doch beiden stand der Angstschweiß auf der Stirn. Es war ihnen durchaus bewusst, was um sie herum geschah, doch sie konnten sich weder rühren, noch etwas tun um ihr zu entkommen. Sie waren ihr hilflos ausgeliefert. Und dann kam Morgana an den Kerkerzellen vorbei. Vor allem Jade zitterte. Wenn Leeana es gekonnt hätte, hätte sie ihr beigestanden, doch sie war selber starr vor Angst. Was hatte diese Hexe mit ihnen vor? ´Wenn sie uns hätte umbringen wollen, hätte sie es bereits in Camelot tun können; das ist es nicht´, überlegte Leeana. ´Aber was dann?´ Und dann wusste sie es. In der letzten Kerkerzelle sah sie eine Frau. Eine Frau mit roten Haaren, die von der Beschreibung aussah wie Elle - die Hüterin der Elemente, von denen Jade ihnen erzählt hatte, nachdem Merlin sie geheilt hatte. Sie musste es sein. Leeana spürte, wie Jade sich versteifte. Sie wollte etwas rufen, doch durch Morganas Zauber konnte sie es nicht.
Morganas Lächeln wurde breiter. Noch hatte Elle sie nicht registriert, da sie an der Wand lehnte; den Kopf gesenkt und die Augen geschlossen. Morgana wusste nicht, weshalb oder an was sie dachte, aber das war ihr auch egal. Langsam kam sie noch näher an die Kerkerzelle heran und packte die Mädchen noch fester am Arm. Dann stand sie vor der verschlossenen Tür. “Elle, sieh mal her - sieh mal, wen ich hier habe” flötete sie. Dann sah sie, wie Elle langsam den Kopf hob und in ihre Richtung sah. Ihr Grinsen wurde noch breiter und gemeiner, als sie die großen Augen sah, mit denen Elle sie anstarrte, als die Wahrheit langsam in ihrem Kopf Gestalt annahm. Sie schien einige Sekunden zu brauchen, um zu begreifen, wer da vor ihr stand…
Elle hatte Morganas Schritte gehört. Doch sie wollte sie nicht sehen. Sie wollte nicht in ihren Erinnerungen gestört werden, die immer noch in ihrem Kopf herum irrten. Erinnerungen an ihre Schützlinge - die, die tot waren, und Jade, von der sie hoffte, dass sie noch lebte. Also blendete sie die Realität aus. Sie würde schon spüren, wenn es soweit war, und ihre Peinigerin wieder in ihre Zelle eindringen würde um sie zu foltern. Auch dieses Mal würde sie die Pein über sich ergehen lassen. Auch dieses Mal würde es vorbei gehen… Davon war sie überzeugt. Doch was dann folgte, war sehr ungewöhnlich. Normalerweise sagte Morgana nichts, bis zu in der Zelle war und direkt vor ihr stand! Doch dieses Mal hörte sie ihre Stimme. Melodisch und beinahe zuckersüß… Und doch so falsch… Sie rief ihren Namen und dass sie zu ihr sehen sollte. Elle wollte nicht, und doch fühlte sie einen inneren Drang, zumal sie verwirrt war, von dem was Morgana noch gesagt hatte. Wieso sollte sie zu ihr hinschauen? Was hatte sie genau gesagt? “Sieh mal, wen ich hier habe?” Wen hatte sie denn da? Die Verwirrung war so groß, dass Elle ihrem Drang nachgeben musste. Auch wenn sie nicht schauen wollte; dennoch hob sie den Kopf und erstarrte. Sie konnte - nein, sie WOLLTE es nicht glauben. Das durfte nicht wahr sein! Doch langsam kam es in ihrem Bewusstsein an, dass es real war, was sie da sah. Elles Augen wurden groß.
“Oh mein Gott…. JADE!” flüsterte sie - dann sah sie zu dem anderen Mädchen, das sie nicht kannte, das aber anscheinend auch eine Gefangene Morganas war, und zurück zu Jade. Die beiden Mädchen waren willenlos. So wie es aussah, konnten sie sich nicht rühren, was wohl Morganas Werk war. Mit zusammen gekniffenen Augen glitt ihr Blick langsam zu Morgana, die in der Mitte stand und die beiden Mädchen festhielt. “Lass sie los!” stieß sie mit zusammen gepressten Zähnen hervor. Ihr Atem ging stoßweise. “Was willst du mit den beiden? Du hast mich! Reicht das nicht?”
Morgana lachte bitter. “Anscheinend nicht, du wolltest es nicht anders, Elle! Wenn du mir vorab dein Geheimnis verraten und mir deine Kräfte und deine Macht übertragen hättest, bräuchte ich nicht zu so etwas zurück zu greifen! Du willst doch sicher nicht, dass den beiden etwas geschieht?” setzte sie noch hinterher und dann stieß sie Leeana in eine andere Zelle, die in Elles Nähe war. Leeana fiel auf den Boden und blieb erst einmal bewegungslos liegen. Jade wurde von Morgana ebenfalls in eine Zelle gestoßen, sie hatte mehrere zur Auswahl… Dann betrat Morgana Elles Zelle, die zu ihr hinaufsah, als diese direkt vor ihr stand. In Elles Augen war ein Funkeln zu erkennen, das Morgana zuerst erschreckte. Doch dann riss sie sich zusammen. “Gib mir deine Kraft! Und ich werde die Mädchen frei lassen! Beide! Ansonsten wird es dir sehr, sehr Leid tun!”
Elle starrte ihr ins Gesicht. Sie sah zuerst zu ihrem Schützling und dann zu dem anderen Mädchen, das auf der anderen Seite in ihrer Zelle lag. Es tat ihr in der Seele weh, die beiden so zu sehen, doch sie wusste, dass keiner von ihnen eine Chance hatte, wenn sie ihr nachgeben würde. Morgana würde sie alle vernichten, sobald sie ihre Kräfte hatte, das wusste sie. Also schluckte sie und schüttelte den Kopf. “Nein.. Ich kann es nicht. Lass die Mädchen frei; sie haben dir nichts getan!”
Morgana konnte es nicht fassen. War das Elles Ernst?? Sie wusste, dass sie die Mädchen in ihrer Gewalt hatte, und wollte ihr trotzdem nicht das geben, was sie von ihr verlangte? Nun reichte es Morgana. “Dann eben nicht! Ich werde dir zeigen, was du davon hast! Vielleicht bereust du deine Entscheidung und änderst sie doch noch!” und sie verließ wutschnaubend Elles Zelle. Elle hatte ein schlechtes Gefühl. Etwas sagte ihr, dass nun etwas ganz Furchtbares geschehen würde, und sie sollte Recht behalten. Morgana stand vor Jades Zelle und schloss die Tür auf. Sie trat hinein und in Elle, die alles sehen konnte, zogen sich die Eingeweide zusammen. Was hatte die Hexe vor? Dann sah sie, wie sich in Morganas Hand ein Feuerball bildete. Wie von Geisterhand hatte diese plötzlich die rote Glut in der Hand und kam damit auf Jade zu. Elle schrie auf. “NEIN!” “Das ist DEIN Werk!” sagte Morgana nur kalt, und lief ungerührt weiter. Jade sah sie zwar kommen, war aber durch Morganas Zauber immer noch nicht in der Lage, sich zu rühren; zudem wäre es ohnehin aussichtslos gewesen, sie hätte nicht aus der Zelle fliehen können.
Doch während Jade immer noch bewegungsunfähig war, war es zumindest Leeana gelungen, sich an den Rand ihrer Zellentür zu schleppen. Auch sie sah, was Morgana im Begriff war zu tun, und ein gellender Schrei tönte aus ihrem Mund. Morgana zuckte kurz zusammen und sah in ihre Richtung. Sie wusste nicht, was es war, aber für eine kleine Sekunde war sie nicht mehr in der Lage, ihr eigentliches Vorhaben in die Tat umzusetzen…
Merlin, Arthur und die Ritter waren weiter gezogen. Sie ritten so schnell sie konnten; doch plötzlich blieb Merlin abrupt stehen. Er riss sein Pferd so hart am Zügel, dass dieses sich kurz aufbäumte. Arthur ließ seine Ritter, allen voran Sir Lancelot, anhalten und wandte sich Merlin zu. “Ist alles in Ordnung, Merlin?” Die Ritter hatten ihre Schwerter gezogen und sahen sich nervös in der Umgebung um, doch sie konnten nichts Auffälliges entdecken… Was war in den Zauberer gefahren? Auch Arthur wurde aus dem Verhalten seines Beraters und früheren Dieners nicht schlau. “Merlin? Was ist los? - MERLIN!!!” brüllte er ihn schließlich an, als dieser immer noch nicht reagierte.
Merlin hatte die Hand erhoben und Arthur so ein Zeichen gegeben, zu schweigen. Arthur hätte dies früher niemals toleriert, als Merlin noch sein Diener gewesen war, doch nun hörte er auf solche Zeichen. Er gebot auch seinen Rittern, sich still zu verhalten. Aufs Äußerste gespannt, sah er zu Merlin auf, der langsam von seinem Pferd stieg und sich umsah…
Merlin hatte kurz zuvor einen Schrei gehört. Doch es war kein “Hören” im eigentlichen Sinne. Er wusste, dass dieser Schrei nicht aus dem Wald kam, er war noch nicht mal in ihrer Nähe ausgestoßen worden, und Arthur und seine Ritter hatten ihn nicht gehört. Merlin wurde bewusst, dass nur er ihn wahrgenommen hatte, und dass es in seinem Geiste geschehen war. Per Telepathie! Bis jetzt hatte er noch gar nicht gewusst, dass er auch zu so etwas fähig war.. Doch dann kam in ihm das Bewusstsein hoch, dass er die Stimme kannte - und plötzlich wusste er es. Es war Leeana, die geschrieen hatte! Ihm wurde schlecht. Etwas war passiert! Mit Leeana. Sie war in Gefahr! War sie noch in Camelot? Und dann wusste er, dass dies nicht der Fall war! Was auch immer geschehen war, Leeana war nicht mehr in Camelot, was bedeutete, dass sie jemand entführt haben musste. Sie war in Gefahr!
Plötzlich drang Arthurs Stimme in sein Ohr. Er hatte sie ausgeblendet, damit er sich auf den Schrei konzentrieren konnte. Doch nun wurde sie wieder um einiges eindringlicher.
“MERLIN!! Was ist mit dir???” Arthur machte sich extreme Sorgen um seinen Berater und Freund. So hatte er ihn noch nie erlebt. Er schüttelte ihn. Langsam schien Merlin wieder klar zu werden und er blickte ihn an. Seine Augen zeigten Arthur, dass er wieder bei sich war. “Leeana! Ich habe Leeana schreien hören! Sie ist in Gefahr; jemand muss sie aus Camelot entführt haben. Ich muss zurück!” Arthur starrte ihn an. “Ist das dein Ernst?? Merlin, warum sollte jemand Leeana entführen? Und dann aus Camelot? Was hätte das für einen Sinn? Außerdem sind Sir Gwain und Sir Leon dort, sie würden das zu verhindern wissen - die anderen Ritter und Wachen außerdem auch! Das ganze war bestimmt nur ein Irrtum.” Doch Merlin wusste, was er gehört hatte. Er schüttelte den Kopf. “Nein, Arthur. Das ist es nicht. Ihr könnt mit Euren Rittern weiter reiten; ich werde zurück kehren und nach Leeana sehen. Es lässt mir keine Ruhe, ich muss wissen, was geschehen ist!”
Arthur starrte ihn an. Dann seufzte er. “Du meinst das wirklich ernst? Ist dir bewusst, was auf dem Spiel steht? Ich meine, wir reisen in dieses Land Gemendór, um Morgana zu finden! Wir verlieren Zeit, wenn wir jetzt umkehren; das könnte uns den Vorsprung kosten, den wir jetzt evtl. haben! Was ist, wenn Morgana bereits Elles Kräfte aufgenommen hat?? Ist dir das egal?” Merlin schüttelte den Kopf. “Nein, Sire. Das ist mir durchaus nicht egal. Aber ich sagte schon, dass Ihr mit Euren Rittern weiter reiten könnt. Ich kann Leeana nicht im Stich lassen. Und ich weiß, dass meine Vision echt war! Ich kann nicht anders, Verzeiht mir!” Er senkte den Kopf. Arthur seufzte erneut. “Merlin, ich werde noch verrückt mit dir… Du weißt doch genau, dass ich dich nicht alleine zurück kehren lasse - du kannst schließlich nicht wirklich gut kämpfen - mit Schwertern meine ich! Und das werden wir wohl müssen, solltest du recht haben. Abgesehen davon brauchen wir dich, wenn wir gegen Morgana eine Chance haben wollen; was bedeutet, dass wir ohne dich nicht nach Gemendór reisen können.. Also, wir reiten wieder zurück!”
Merlin lächelte Arthur dankbar an. Die Ritter waren erstaunt, einige sahen sowohl Arthur als auch Merlin ungläubig an, dennoch sagten sie nichts, sondern wendeten ihre Pferde. Auch Merlin setzte sich auf den Sattel und preschte voran. Immer wieder dachte er an den Schrei, den er gehört hatte. Er hatte Gänsehaut. Merlin ritt schneller…
Morgana hatte sich umgedreht und stand nun mit dem Feuerball in der Hand vor der Kerkertür. Sie überlegte. Auf der einen Seite wollte sie eigentlich Jade verletzen um Elle zu bestrafen, aber andererseits hatte diese kleine Kröte in der Nebenzelle sie gerade irritiert. Es war etwas an ihr gewesen.. Etwas magisches. Sie konnte es sich nur nicht wirklich erklären.. Bevor sie mit diesem Mädchen weitermachte, musste sie sich dem anderen Mädchen widmen. Langsam öffnete sie Jades Kerkertüre und ging schnurstracks auf Leeanas zu. Sie öffnete sie. Leeana war wieder in der Lage, sich zu bewegen, so dass sie sich an die Wand presste, doch Morgana schleuderte sie mit einer Handbewegung zu Boden. Dann ging alles schnell. So schnell, dass nicht einmal Elle etwas hätte tun können, um es zu verhindern. Morgana drückte ihre Hand, in der sich immer noch der Feuerball befand, auf Leeanas Oberschenkel. Leeana brüllte auf. Tränen traten ihr in die Augen, sie hatte noch nie solche Schmerzen verspürt. Auch Elle und Jade kreischten, doch das ließ Morgana unberührt. Sie drückte ihre Hand weiter in Leeanas Fleisch und deren Schreie hallten durch das Schloss…
Doch nicht nur dort wurden sie vernommen. Auch Merlin hörte sie. Er hielt erneut sein Pferd an und die Flüche, die hinter ihm ausgestoßen wurden, interessierten ihn nicht. Wieder hörte er Leeanas Schreie, doch dieses Mal war es schlimmer als beim letzten Mal. Es waren mehrere, lautere Schreie und er spürte Panik, Schmerz.. Alles zog sich in ihm zusammen. Merlin fiel vom Pferd. Arthurs erschreckten Ausruf registrierte er nicht. Er lag auf der Erde, die Augen starr aufgerissen und er spürte Schmerz.
Und dann tauchte ein Bild vor seinem geistigen Auge auf. Er sah Kerkerzellen - und in ihnen eine Frau mit leuchtend roten Haaren. Merlin wusste sofort, dass diese Frau Elle sein musste - die Hüterin der Elemente. Sie sah genauso aus, wie Jade sie beschrieben hatte. In einer anderen Zelle sah er.. Jade! Sie war also auch gefangen! Merlin bemerkte, dass beide in eine Richtung schauten, und auch sein Blick glitt in diese Richtung. Was er sah, ließ ihm den Atem gefrieren. Er sah Morgana, wie sie über Leeana gebeugt war - und dieser einen Feuerball auf den Oberschenkel presste. Der Ball brannte sich in ihre Haut und Merlin wusste, dass es gerade in diesem Augenblick passierte. Es war genau das, was er gerade spürte..
Während Merlin noch auf der Erde lag, hatte Arthur sein Pferd gezügelt und war abgesprungen. Er kniete sich neben Merlin und rüttelte ihn erneut. Auch die anderen Ritter kümmerten sich um ihn. “Was hat er, Sire?” fragte Sir Lancelot besorgt. “Ich weiß es nicht, Lancelot! Wir müssen ihn wach bekommen. MERLIN!” rief er lauter, und als dieser auch dieses Mal nicht reagierte, machte Arthur von alten Gewohnheiten Gebrauch und gab ihm eine schallende Ohrfeige. Das hatte er schon ewig nicht mehr getan und es tat ihm auch Leid, doch er wusste sich einfach nicht mehr anders zu helfen…
Langsam wurde Merlin wieder klarer. Er hatte von den Geschehnissen um ihn herum überhaupt nichts mitbekommen, und auch die Schmerzen auf seiner Wange ignorierte er. Das erste, was er erblickte, war Arthur, der ihn besorgt ansah. “Was ist mit dir, Merlin? Muss ich mir ernste Sorgen um dich machen? Das ist schon der zweite Anfall dieser Art und ich hätte dich beinahe nicht wach bekommen. Du warst ja völlig weggetreten…” Weiter kam er nicht. Merlin hatte sich wieder in der Gewalt und saß schneller auf seinem Pferd als Arthur und die Ritter ihm zugetraut hatten. Er sah Arthur an. Ohne weiter auf die Frage einzugehen, sagte er: “Wir brauchen nicht mehr nach Camelot zurück zu reiten. Ich weiß, was geschehen ist. Morgana hat Camelot überfallen. Sie hat Leeana und auch Jade entführt. Beide sind in einem Schloss gefangen - in den Kerkern. Und Morgana ist genau jetzt - in diesem Moment - dabei, Leeana zu foltern. Ich kann es spüren!”
Entsetzen hatten sich auf den Gesichtern von Arthur und seinen Rittern breit gemacht. Sie konnten es zuerst nicht fassen, doch dann wussten sie, dass Merlin sich nicht täuschte. “Das passt zu ihr” knurrte Arthur. Voller Mitgefühl sah er Merlin an. “Merlin, wir finden sie! Weißt du, wo dieses Schloss sein kann? Hast du in deiner Vision einen Hinweis gefunden?” Doch Merlin konnte nur den Kopf schütteln. Nein, das hatte er nicht.. Nach einigen Sekunden der Stille sagte Arthur schließlich: “Hört zu, irgendwo müssen wir ansetzen! Da Merlin jetzt weiß, dass Morgana die Mädchen entführt hat, kann es ja nur so sein, dass sie in Camelot war… Hoffentlich hat sie dort nicht noch mehr zerstört…” Hass flammte in Arthur auf, als er daran dachte, dass diese Kreatur in seinem Schloss gewesen war, und nun begann er sich auch um seine dort verbliebenen Ritter - einschließlich Sir Leon und Sir Gwain zu sorgen. “Wir werden zurück reiten. In der Nähe des Schlosses werden wir evtl. Spuren finden, denen wir nachgehen können. Es wird Morgana doch wohl nicht gelungen sein, völlig spurlos zwei Mädchen zu entführen! Es ist mir sowieso schleierhaft, wie sie unbemerkt ins Schloss gelangen konnte und wieder heraus kam…” Die Ritter stimmten ihm zu, nur Merlin war still. Aber eine bessere Idee fiel auch dem Zauberer nicht ein. Er wusste, dass wenn es in der Nähe des Schlosses Spuren gab, sie diese finden und ihnen nachgehen würden. Also nickte er schließlich. So machten sie sich auf den Weg zurück nach Camelot. Sie alle hatten Magendrücken, als sie an ihre Freunde dachten, und hofften, dass sie unbeschadet geblieben waren…
Während sie zurück kehrten dachte Merlin immer wieder an Leeana. `Leeana, ich finde dich! Wir finden dich! Halte durch, bitte´ das waren immer wieder seine Gedanken, während sie den gesamten Weg zurück ritten..
Morgana hatte ihre ganze Wut und ihren Hass an dem Mädchen ausgelassen, die sie eigentlich noch gar nicht erledigen wollte. Doch nun spürte sie, dass diese ihre Macht verloren hatte - was das auch immer für eine Macht gewesen war… Etwas war an diesem Mädchen, doch Morgana konnte es nicht wirklich deuten. Solange konnte sie auch diese Macht nicht an sich reißen, doch das würde noch kommen. Langsam stand sie auf und der Feuerball verschwand. Sie schloss die Zelle auf und trat heraus. Elle funkelte sie mit hasserfüllten Augen an. In ihnen standen Tränen. “Du Missgeburt”… flüsterte sie. Morgana sah sie nur an. Sie sagte nichts, doch ihre Augen waren rabenschwarz. Sowohl Elle als auch Jade zuckten zusammen. Morgana reagierte nicht weiter sondern verließ das Kerkergewölbe ohne ein weiteres Wort. Als die Tür ins Schloss fiel, warteten Elle und Jade noch ein paar Minuten, dann begannen beide, leise Leeanas Namen zu rufen; doch diese reagierte nicht…
Leeana lag da wie tot. Die Schmerzen waren unerträglich und sie wünschte sich zu sterben. Ihre Gedanken waren leer. Sie sah und hörte nichts und sie wollte auch nichts sehen und hören. Einfach nur sterben, waren ihre Gedanken. Die Schmerzen nicht mehr spüren… Doch plötzlich drangen Worte an ihr Ohr. Worte, die zuerst von weit, weit her zu kommen schienen, und die sie als nicht real abtat. Denn es konnte nicht real sein! Sie konnte die Stimme nicht hören, denn derjenige, dem sie gehörte, war nicht mal in ihrer Nähe! Dennoch wurde sie langsam immer lauter und nahm immer mehr in ihrem Geist Gestalt an. Dann konnte sie es nicht mehr ignorieren. Sie hörte IHN. Den Mann, der in den letzten Jahren wie ein Bruder für sie geworden war. Merlin! Und sie konnte plötzlich auch verstehen, was er “sagte”: `Leeana, ich finde dich! Wir finden dich! Halte durch, bitte´. Leeana spürte, dass es keine Einbildung war. Sie hörte ihn tatsächlich, aber nicht in der Realität, sondern im Geiste. Sie hörte ihn telepathisch! Leeana schloss die Augen. Sie musste sich konzentrieren; auch, wenn die Anstrengung weh tat. Es musste sein! Dann begann sie, an Merlin zu denken und sein Bild tauchte vor ihrem geistigen Auge auf. Sie sah ihn direkt vor sich. Leeana lächelte. ´Merlin.. Ich bin hier! Wir sind hier! Kannst du mich hören? Kannst du meinem Ruf folgen?´ Auch sie wiederholte immer wieder dieselben Worte und hoffte, dass ihr Ruf auch ihn erreichen würde..

